Gewalt im Namen der Ehre – Mutmaßliche (versuchte) „Ehren“-Morde in Deutschland 2024 und 2025
Jedes Jahr zum Todestag von Hatun Sürücü
am 7. Februar, veröffentlicht TERRE DES FEMMES eine Recherche zu mutmaßlichen sogenannten „Ehren“-Morden in Deutschland – also Fällen, bei denen Menschen wegen (vermeintlicher) familiärer oder gesellschaftlicher Vorstellungen von „Ehre“ ihr Leben verloren oder verlieren sollten.
Warum spricht TERRE DES FEMMES von sog. Ehrenmorden?
Der Begriff „Ehren“-Mord ist stark umstritten. TERRE DES FEMMES verwendet den Begriff daher in Anführungszeichen oder spricht von „sog. Ehrenmorden“. Die Verwendung des Begriffs soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass jede Gewaltform verhindert bzw. adäquat strafrechtlich verfolgt werden sollte, ungeachtet der Bezeichnung. Doch ist es nach Ansicht von TERRE DES FEMMES wichtig, fundierte Kenntnis über jede mögliche Erscheinungsform geschlechtsspezifischer Gewalt zu besitzen, um adäquate Präventionsarbeit im Vorfeld leisten sowie im Ernstfall eine schnelle Gefahreneinschätzung vornehmen zu können und somit eine Ermordung zu verhindern.
TERRE DES FEMMES möchte mit der alljährlichen Recherche
- sichtbar machen, dass Menschen auch in Deutschland im Namen einer vermeintlichen „Ehre“ vielfältige Gewalt erleben – bis hin zur (versuchten) Ermordung,
- mögliche Muster deutlich machen, damit Fachkräfte Anzeichen früh erkennen und die Bedrohungslage ernst nehmen können,
- für bessere Präventions- und Opferschutzmaßnahmen werben.
Es ist wichtig zu betonen: „Ehren“-Mord ist kein juristischer Begriff. Es kann Überschneidungen zu Motiven sog. Partnertötungen geben und häufig sind sog. Ehrenmorde gleichzeitig auch Femizide. Doch nicht immer: Zwar ist ein als „falsch“ angesehenes Verhalten von Mädchen und Frauen Triebfeder von Gewalt im Namen der Ehre, doch können ihr auch Männer zum Opfer fallen.
Was zeigen die Zahlen für 2025 (vorläufig)?
- Insgesamt 6 Opfer mutmaßlicher „Ehren“-Morde oder -versuche
→ 2 Menschen starben, 4 überlebten. - Von diesen sechs waren 5 weiblich und 1 männlich.
Für 2024 (abschließende Zahlen):
- Insgesamt 20 Personen fielen mutmaßlichen „Ehren“-Morden oder -versuchen zum Opfer.
- 7 Menschen starben, 13 überlebten.
- Bei dieser Recherche gab es genauso viele männliche wie weibliche Opfer (jeweils 10).
Zu den Downloads der Presserecherchen
Typische Muster bzw. Motive:
- In streng patriarchalen familiären oder sozialen Umfeldern wird besonders die Sexualität von Frauen stark reglementiert: Gerüchte über vermeintliche „Nebenbuhler“ oder voreheliche Kontakte zu Männern können mit Gewalt sanktioniert werden – im äußersten Fall mit dem Tod.
- Dabei ist es unerheblich, ob es tatsächlich vor- oder außereheliche Verhältnisse gab. Das Gerücht oder die Vermutung kann ausreichen.
- Die Gewalt wird auch ausgeübt, um sich die Kontrolle über die als „Schande/Ehrverlust“ empfundene Situation zurückzuholen und die strikten Moral- und Verhaltensnormen wiederherzustellen.
- Nicht selten sind mehrere Personen in die Tat involviert.
Wer ist betroffen oder gefährdet?
- Mädchen und Frauen aus streng patriarchalen Strukturen, die sich gegen traditionelle Rollenbilder stellen – indem sie beispielsweise einen Freund haben; arbeiten, selbst Geld verdienen und/oder sich scheiden lassen wollen.
- (Junge) Männer, die eine (vermutete) Beziehung mit einer Frau aus streng patriarchalen Strukturen haben – dabei ist es unerheblich, ob die Frau Single ist, in Trennung lebt oder noch verheiratet ist: Sie können in den Augen der Familien oder des Ehemanns als „Nebenbuhler“ wahrgenommen werden. Denn die Frau gilt als „Besitz“ ihres Vaters bzw. Ehemanns und ihr wird keine eigene Entscheidungsfreiheit zugestanden.
Die Recherche zeigt ebenfalls auf, dass „Ehren“-Morde an Frauen als Teil eines größeren Gewaltkontinuums gesehen werden können. Sie stehen am äußersten Ende eines Spektrums, das mit Kontrolle, Unterdrückung, Früh- und Zwangsverheiratung beginnen, zu häuslicher und sexualisierter Gewalt führen und in extremen Fällen tödlich enden kann.
Warnzeichen erkennen – warum das so wichtig ist
Mögliche Anzeichen für Gewalt im Namen der „Ehre“ und streng patriarchale Strukturen können sein:
- Starke Kontrolle der Mädchen und Frauen über ihr soziales Leben, ihr Verhalten, ihren (schulischen/beruflichen) Werdegang
- Früh- und Zwangsverheiratung
- Frauen dürfen nicht allein das Haus verlassen; ihre Familie/ihr Mann entscheidet, was sie tun dürfen und was nicht; traditionelle Geschlechterbilder, von denen nicht abgewichen werden darf
- Isolation - Kontakte außerhalb des Familienkreises häufig nicht erwünscht
- (Todes-)Drohungen
TERRE DES FEMMES möchte mit dieser Recherche insbesondere Menschen erreichen, die im Kontakt mit potentiell gefährdeten Personen stehen – Fachkräfte, Lehrende, Polizei, Beratungsstellen und Familienangehörige. Die dargestellten Fälle zeigen eindrücklich, dass Todesdrohungen im Kontext von möglicher ehrbezogener Gewalt sehr ernst genommen werden sollten!
Schutz und Aufklärung müssen früher ansetzen
Die recherchierten Fälle machen leider auch nur allzu deutlich: Bestehende Gewaltschutzhilfen sind nicht ausreichend: Trotz Kontakt- und Annäherungsverbote konnte das Leben vieler Frauen nicht geschützt werden. TERRE DES FEMMES fordert daher:
- Einrichtung weiterer spezialisierter Beratungsstellen und Schutzeinrichtungen
sowie Erhalt und dauerhafte Finanzierung bereits bestehender
- Schulungen und Sensibilisierungen aller potentiell mit Gefährdeten in Kontakt Stehenden, wie Polizei, SozialarbeiterInnen, Lehrkräften, BehördenmitarbeiterInnen sowie RichterInnen und StaatsanwältInnen
- Verankerung des Themas Gewalt im Namen der Ehre sowie
Zwangsverheiratung/Frühehen in den Ausbildungen o.g. Berufsgruppen und regelmäßige Fortbildungsangebote zu dem Thema
- Präventionsarbeit in Schulen: Schule ist häufig der einzige Ort, den potenziell Betroffene aufsuchen dürfen, ohne von der Familie kontrolliert zu werden. Daher muss die Präventionsarbeit hier ansetzen, entsprechende Strukturen bundesweit erweitert bzw. angepasst werden (Aufstockung der Schulsozialarbeit etc.)
- Bei akut gefährdeten Personen: Aufnahme in eine Art „Zeugenschutzprogramm light“: verbesserte und schnelle Hilfen bei der Anonymisierung von Daten (z. B. Namensänderung, Einrichtung von Sperrvermerken), psychologische Unterstützung sowie langfristigen Polizeischutz
Darüber hinaus ist es wichtig, frühzeitig anzusetzen und (potentiell) gefährdete Personen dort zu erreichen, wo sie sich trotz strenger familiärer Kontrolle aufhalten dürfen, bspw. in Schulen oder Müttercafés. Mit der sog. „Weißen Woche“ geht TERRE DES FEMMES jedes Jahr vor den Sommerferien gemeinsam mit der Berliner Polizei an Berliner Schulen, um junge Menschen über die Gefahr von Verschleppungen oder die möglichen Folgen einer Zwangsverheiratung zu informieren. Im Mittelpunkt der Sensibilisierungsarbeit steht dabei das Aufzeigen bestehender Hilfs- und Beratungsnetzwerke und der eindringliche Appell: „Hol dir Hilfe, bevor es zu spät ist.“
Des Weiteren entsteht im Rahmen des von Aktion Mensch geförderten Projekts „Meine Zukunft gehört mir“ ein interaktives Theaterstück zum Thema Gleichberechtigung. Gleichzeitig arbeiten wir mit Berliner Stadtteilmütter zusammen und schulen sie vertieft zu „Warnzeichen und Hilfsmöglichkeiten bei Zwangsheirat“, sodass sie eigenständig Workshops in vielen verschiedenen Sprachen anbieten können.
Niedrigschwellige Angebote, die (jungen) Menschen zeigen, dass sie nicht allein sind, dass es kostenfreie Hilfen und Beratungen gibt, können einen wichtigen Beitrag für eine gewaltfreiere Zukunft leisten
Weiterführende Informationen
Recherchen (mutmaßlicher) „Ehren“-Morde
Femizid oder „Ehren“-Mord? Eine Begriffsdefinition
Bundesweite Beratungsstellen zu Gewalt im Namen der Ehre / Zwangsheirat finden Sie auf www.zwangsheirat.de