• 30.01.2026

Von Hexenverfolgungen zu Femiziden: Über die Kontinuität geschlechtsspezifischer Gewalt im Patriarchat

Es gibt viele dunkle Tage, wenn es um die Rechte und den Schutz von Frauen geht. Fast jeder zweite Tag ist ein schwarzer Tag für Frauen, fast jeden zweiten Tag wird eine Frau Opfer eines Femizids. Der 02. Februar gilt als Tag des Lichts: Imbolc, das keltische Fest des Lichts und der Reinigung, markiert den Übergang vom Winter zum ersten Anzeichen des Frühlings. Einige kennen vielleicht auch den magischen Jahreskalender (Wheel of the Year) und haben schon einmal davon gehört, dass dieser Tag symbolisch für Heilung, Fruchtbarkeit und Schutzrituale steht.[1] 

Schutzrituale sind heute u.a. Ausdrucksformen der Selbstfindung, galten aber in der frühen Neuzeit noch als "dämonisch", und wurden als "Magie" oder "Aberglaube" diffamiert. Im Zuge der Christianisierung wurden Frauen mit Wissen über Körper und Natur dämonisiert und während der Hexenverfolgung besonders ins Visier genommen.

Deshalb wollen wir diesen Tag, Imbolc, nutzen, um ein Licht auf die Abgründe von Misogynie im Mittelalter und damit auch auf die Enstehung der Hexenverfolgungen zu werfen: Warum wurden vor allem Frauen der Hexerei bezichtigt, gefoltert und umgebracht – und wieso hat sich dieses Bild " der Hexe" gewandelt?

Hexen sind aus der zeitgenössischen Popkultur nicht mehr wegzudenken. Ob Bibi Blocksberg, Hermine Granger aus Harry Potter oder die Halliwell-Schwestern aus Charmed: Hexen sind in Literatur, Film und Serien häufig Protagonistinnen und Heldinnen, mit denen sich das Publikum identifizieren kann. Dabei ist das Bild von Frauen mit besonderen Fähigkeiten längst nicht mehr so uneingeschränkt negativ wie es ursprünglich einmal war. Stattdessen gilt "die Hexe", allerdings nur als junge Frau, als Symbol weiblicher Ermächtigung[2]

Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Dies war bei Weitem nicht immer so. Der Mythos der Hexerei und schwarzen Magie entsprang im 15. Jahrhundert und war die Antwort auf, nun, fast alles. Ob Kriege, Krankheiten, unerklärbare Vorkommnisse oder Naturkatastrophen: Die Wurzel des Übels wurde zumeist in der Hexerei und damit bei – größtenteils weiblichen – Hexen vermutet. 

Doch wie kam es zu dieser Entwicklung?

Hexenverfolgung in Europa

Die Hexenverfolgungen in Europa fanden vor allem zwischen 1440 und 1760 statt. Wie viele Menschen der Hexerei bezichtigt, verurteilt und ermordet wurden, variiert in verschiedenen Quellen. Nach heutigem Stand gelten 50.000 bis 60.000 Todesfälle als gesichert, andere Schätzungen gehen von bis zu „100.000 Menschen, in der Mehrzahl Frauen (etwa 80 Prozent)“[3] aus. Dabei entfielen mindestens 25.000 der im Rahmen von Hexenprozessen vollzogenen Hinrichtungen auf den Bereich, der heute die Bundesrepublik Deutschland bildet.[4]

Dieser Fakt mag auf den ersten Blick überraschend wirken, da häufig immer noch angenommen wird, dass die Hexenverfolgung rein religiös begründet war und fast ausschließlich durch die katholische Kirche vorangetrieben wurde. Dementsprechend müssten insbesondere die katholisch fundierten Länder wie „Portugal, Spanien und Italien mit ihren funktionierenden Inquisitions-Behörden”[5] deutlich mehr Hinrichtungen verzeichnen. Warum das nicht der Fall ist, zeigt eine kurze Zusammenfassung der Entwicklung der Hexenverfolgungen.

Entwicklungen der Verfolgungsjagd

Es stimmt, dass die Kirche dazu beigetragen hat, dass die Hexenverfolgungen an Fahrt aufnahmen. Der Glaube an Hexerei war von Beginn an stark mit dem Vorwurf der Ketzerei, also dem Abwenden von der Kirche, verbunden[6]. Dieser wiederum ging mit Anschuldigungen der Zauberei und dem Verdacht der Teufelsanbetungen einher. So entstand eine Verbindung zwischen Ketzerei und Magie, die sich die Kirchen zunutze machten, um Andersdenkende politisch zu verfolgen und Widerstand zu unterdrücken.

Dennoch waren die Verfolgung und Ermordung von deklarierten Hexen kein rein kirchliches Phänomen[7]. Beteiligt waren neben katholisch auch protestantisch geprägte Gebiete, lokale Eliten und weltliche Gerichte.

Erschwerend kam hinzu, dass Menschen Schuldige für ihr Leid suchten. Die frühe Neuzeit war von diversen Krisen geprägt: Kriege, Seuchen, Hungersnöte und die Klimakrise der "kleinen Eiszeit". Die damit verbundenen, katastrophalen Zustände europaweit verlangten nach Sündenböcken[8].

Dies führte dazu, dass die Hexenverfolgung Europas im 16. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte[9]. Sie war demnach nicht nur ein Instrument zur Disziplinierung von Abweichung, sondern auch eine Reaktion auf die sozialen Krisen. Aus heutiger Sicht könnte man sie als frühe Form geschlechtsspezifischer Gewalt im Namen der (sozialen) Ordnung betrachten[10].

Die Opfer der Hexenverfolgungen 

Entgegen verbreiteten Annahmen standen anfangs sowohl Männer als auch Frauen im Visier der Hexenverfolgungen. Männer waren besonders dann betroffen, wenn sie Angehörige der Angeklagten waren oder wenn ihre Namen unter Folter ‚preisgegeben‘ wurden. Auch gab es bestimmte Regionen oder spezifische Anschuldigungen, in denen das Geschlecht weniger eine Rolle spielte als in anderen[11].

Dies änderte sich jedoch mit der Publikation des Hexenhammers: Eine Schrift des Dominikaners Heinrich Kramer, welcher heute als der Hexenjäger schlechthin bekannt ist. Er wurde als offizieller Abgesandter in Hexenangelegenheiten ernannt und bezichtigte hauptsächlich Frauen der Hexerei. Dadurch trug Kramer maßgeblich dazu bei, dass das Bild der Hexe im Laufe der Zeit ausschließlich auf weibliche Personen zugeschnitten wurde[12]

Kramers Werk gilt heute als die “wichtigste(.) dämonologische(.) Schrift des späten Mittelalters und der beginnenden Neuzeit”[13]. Er bezeichnete Frauen als „schlecht […] von Natur aus “[14] und rechtfertigte damit, dass sie besonders anfällig für die Versuchung des Teufels und deshalb der Hexerei zu bezichtigen seien[15]. In Kramers Argumentation zeigt sich also ein Weltbild, das auf Misogynie basiert und Frauen als untergeordnetes Geschlecht einordnet.

Auch wenn Kramers Hetze nicht unmittelbar Wirkung zeigte und deshalb nicht allein für die steigende Zahl an Hexenprozessen verantwortlich gemacht werden kann, wurde seine Denkweise als neue Hexenlehre bekannt und war Grundlage für viele der späteren Prozesse[16]. Dies ist eine mögliche Begründung dafür, dass der Großteil der Opfer von Hexenverfolgungen und -verbrennungen Frauen waren. Besonders betroffen waren alleinstehende, arme oder ältere Frauen, Hebammen, Kräuterkundige und allgemein alle Frauen, die sich nicht angepasst verhielten, also angepasst an das patriarchale System, welches Frauen als Reproduktionsmaschinen sah und ihnen keine eigene Sexualität oder freien Willen zusprach[17].

In dieser kurzen Übersicht zeigt sich: Bei der Deklaration von Hexen und der Auslöschung der Hexerei ging es weniger um Magie als vielmehr um die Kontrolle über weibliche Körper, Wissen und Autonomie. Deshalb kann die Hexenverfolgung als "historischer Femizid" eingeordnet werden.

Hexenverfolgung in der Gegenwart: Systematische Gewalt und Femizide 

Systematische Gewalt, die sich nicht nur, aber vor allem gegen Frauen richtet, ist jedoch nicht nur Teil unserer Vergangenheit, sondern immer noch ein gesamtgesellschaftliches Problem. Die "Hexe" von damals ist die "zu laute", "zu unabhängige"‚ "zu feministische" Frau von heute[18].

Und entgegen vieler esoterisch gelesenen Darstellungen der Hexenverfolgungen handelte es sich hier nicht um "ein dunkles Kapitel der Geschichte", sondern um gezielte, systematische Gewalt zur Durchsetzung eigener Interessen und Ideologien. Diese begegnet uns auch heute noch täglich.

Antifeministische und misogyne Strukturen tragen dazu bei, dass Frauen weiterhin objektifiziert werden, dass sie Gewalt erfahren, dass diese Gewalt gerechtfertigt und die Täter entschuldigt werden, während den Frauen selbst die Schuld zugeschoben wird.

Auch wenn in Deutschland oder Europa keine Frauen mehr als Hexen verfolgt und verbrannt werden: Die Gewalt an Frauen hört nicht auf. Die Zahlen zu Femiziden in Deutschland sowie zu digitaler und häuslicher Gewalt sprechen Bände. Immer noch tötet jeden zweiten bis dritten Tag ein Mann seine (Ex-) Partnerin. 2024 wurden 308 Femizide gezählt. Heute ist es in Deutschland nicht mehr der Scheiterhaufen – es sind die eigenen vier Wände, die für eine Frau die größte Bedrohung darstellen.

Zudem sei erwähnt, dass das Kapitel der Hexenverfolgungen mitnichten abgeschlossen ist. Es stimmt zwar, dass der Glaube an Hexerei zumindest in Europa keine ernsthafte Rolle mehr spielt. Doch wer über die europäischen Grenzen hinausblickt, wird schnell erkennen, dass es sehr wohl noch genug aktuelle Beispiele für diesen Vorwurf gibt - so etwa in: Nigeria[19], Indien[20], Papua-Neuguinea[21] oder Ghana[22], um nur einige zu nennen. In über 40 Ländern weltweit werden Frauen noch der Hexerei bezichtigt. Immer noch können die Folgen verheerend sein. Sie reichen von sozialer Isolation über körperliche Angriffe bis hin zum Tod durch Verbrennung.[23]

Dadurch wird einmal mehr deutlich, dass Hexenverfolgungen nicht der Vergangenheit angehören. Auch heute noch müssen wir sie als Ausdruck struktureller Gewalt in einem patriarchalen System verstehen: Hexenverfolgungen waren und sind Teil einer Kontinuität von Entmenschlichung, Gewalt und Kontrolle.

Zu häufig ist genau das noch die Realität von Mädchen und Frauen weltweit. Um dem entgegenzuwirken, ist zum einen ein kollektives Bewusstsein wichtig – darüber, wie Sprache als Teil einer Gewaltspirale wirken kann und mit welcher Intention Begriffe wie "Hexe" heute noch genutzt werden. Frauen sind keine Hexen – sie sind Menschen. Frauen müssen überall auf der Welt anerkannt und nicht dämonisiert werden. 

Quellen

Adinkrah, M. (2011). Child witch hunts in contemporary Ghana. Child Abuse & Neglect, 35(9), 741–752. https://doi.org/10.1016/j.chiabu.2011.05.011

Becker, T. P. (2006). Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit. In Pöhlmann, M. (Hg.), Neue Hexen. Zwischen Kult, Kommerz und Verzauberung. EZW-Texte 186/2006.

Flitner, B. (26.07.2017). Verleumdet, gemartert, verbrannt. Zuletzt abgerufen am 22.12.2025 von https://chrismon.de/artikel/34809/papua-neuguinea-frauen-werden-als-hexen-verfolgt

GEO-Magazin (14.02.2018). Der Hexenhammer. Wie ein grausamer Bestseller die Hexenjagd vorantrieb. In: GEO Epoche, Vol. 89. Zuletzt abgerufen am 19.12.2025 von https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/der-hexenhammer-wie-ein-grausamer-bestseller-die-hexenjagd-vorantrieb-30174880.html

Griffin, J. & Alo, Olaronke (2024). The man battling Nigeria’s ‚witch-hunters’. Zuletzt abgerufen am 19.12.2025 von https://www.bbc.com/news/articles/cd0z0r5dgg1o

Helmstaedt, K. (30.04.2023). Eine Hexe in der Familie. Zuletzt abgerufen am 22.12.2025 von https://www.dw.com/de/walpurgisnacht-hexenverbrennung-hexenverbrennung-hexe-in-der-familie/a-65453825

NDR (30.04.2025). Hexen-Prozesse: Ein Verfahren zur Unterwerfung von Frauen. Zueltzt abgerufen am 19.12.2025 von https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Hexen-Prozesse-Ein-Verfahren-zur-Unterwerfung-von-Frauen,walpurgisnacht44.html

New World Encyclopedia, 2024. Imbolc. Zuletzt abgerufen am 19.12.2025 von  https://www.newworldencyclopedia.org/entry/Imbolc

Opitz-Belakhal, C. (2023). Hexenverfolgung. Ein historischer Femizid? Zuletzt abgerufen am 08.12.2025, von https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/femizid-2023/519675/hexenverfolgung/#footnote-target-4 

Politische Verfolgung (09.02.2025). Soziale Kontrolle: Die Hexenverfolgung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Zuletzt abgerufen am 22.12.2025 von https://www.politischeverfolgung.de/hexenverfolgung/soziale-kontrolle/.

Quensel, S. (2017). Hexen, Satan, Inquisiton. Die Erfindung des Hexen-Problems. Springer VS.

Raj, S. (13.05.2023). India Struggles to Eradicate an Old Scourge: Witch Hunting. The New York Times. Zuletzt abgerufen am 22.12.2025 von https://www.nytimes.com/2023/05/13/world/asia/india-witch-hunting.html

Weik, H. (2013). Hexenwerk oder Gottes Zorn? Hexenverfolgungen in Südwestdeutschland im Kontext der "Kleinen Eiszeit" (1560-1630). Diplomica Verlag.

Wittwer, T. (2025). Nemesis‘ Töchter. Knaur Verlag.

 


[1] New World Encyclopedia, 2024.

[2] Dörre, 2025.

[3] NDR, 30.04.2025.

[4] Helmstaedt, 2023.

[5] Quensel, 2017, S.10.

[6] Pöhlmann, 2006, S. 6.

[7] Pöhlmann, 2006, S. 5.

[8] Weik, 2013, S. 44.

[9] NDR, 30.04.2025.

[10] Politische Verfolgung, 09.02.2025.

[11] NDR, 30.04.2025.

[12] GEO-Magazin, 14.02.2018.

[13] Opitz-Belakhal, 2023.

[14] Pöhlmann, 2006. S.9.

[15] ebd.

[16] Pöhlmann, 2006, S. 10-11.

[17] Wittwer, 2025, S.66.

[18] Wittwer, 2025, S. 95.

[19] Griffin & Alo, 2024.

[20] Raj, 13.05.2023.

[21] Flitner, 26.07.2017.

[22] Adinkrah, 2011, S. 750.

[23] Flitner, 26.07.2017.

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