Ein historischer Moment: Erstmals kommt es zu einer Verurteilung wegen weiblicher Genitalverstümmelung in Irland

© Joanna Broda © Joanna Broda

In Irland fällte am 28. November 2019 erstmals ein Gericht ein Urteil wegen weiblicher Genitalverstümmelung (engl. Female Genital Mutilation, FGM). Einem Elternpaar war unterstellt worden, die Genitalverstümmelung ihrer, zu dem Zeitpunkt einjährigen Tochter zugelassen und in die Wege geleitet zu haben. Es handelt sich um den ersten Fall dieser Art seit Einführung des Criminal Justice (Female Genital Mutilation Act) 2012, der weibliche Genitalverstümmelung von in Irland lebenden Personen im In- und Ausland kriminalisiert.

Die Angeklagten hatten sich vor dem Gericht für nicht schuldig erklärt. Ihren Aussagen zufolge, war die Verletzung ihrer Tochter ein Unfall. Das Mädchen sei gefallen und unglücklich auf einem Spielzeug gelandet. Diese Aussagen konnten von mehreren ÄrztInnen nicht bestätigt werden. Weder die Art der Verletzungen, noch die Beweislage passen zu einer solchen Abfolge von Geschehnissen. Bei einer Untersuchung des besagten Spielzeuges konnten keinerlei Spuren gesichert werden. Das Mädchen war nach dem Vorfall in die Notaufnahme des Our Lady’s Children’s Hospital, Crumlin eingeliefert worden um die anhaltende, starke Blutung zu stoppen. Der pädiatrische Chirurg, der das Mädchen versorgte, bestätigte, dass die Verletzungen mit FGM Typ I, einer Klitoridektomie, vereinbar seien. Die Verurteilung kann für die Angeklagten eine Geldstrafe in Höhe von bis zu 10.000 Euro oder bis zu 14 Jahre Haft bedeuten. Die Möglichkeit auf Kaution freizukommen wurde beiden Angeklagten vorerst verwehrt. Das betroffene Mädchen und ihre beiden Geschwister sind in der Obhut ihrer Tante.

Dieser Fall ist ein bedeutender Moment im Einsatz gegen weibliche Genitalverstümmelung in Europa. Zum einen, weil er einmal mehr bestätigt, dass weibliche Genitalverstümmelung in Europa stattfindet. Zum anderen, weil die Verurteilung ein klares Signal sendet und vielleicht dazu beiträgt, dass eine andere Familie es sich zweimal überlegt, ob sie ihre Tochter wirklich beschneiden wollen. Dennoch reicht ein gesetzliches Verbot weiblicher Genitalverstümmelung allein nicht aus, um ein Ende der Praktik herbeizuführen. Das bestätigt auch die Zeitdifferenz, die sich oftmals zwischen der Kriminalisierung von FGM und den ersten Fällen, geschweige denn Verurteilungen ergibt. Während es in Irland „nur“ sieben Jahre gedauert hat, kam es auch in Großbritannien, wo weibliche Genitalverstümmelung bereits 1985 gesetzlich verboten wurde, ebenfalls erst Anfang diesen Jahres, stolze 34 Jahre später, zu einer ersten Verurteilung. In Deutschland kam es noch zu keiner Verurteilung, obwohl weibliche Genitalverstümmelung bereits seit der Einführung von §226a StGB im Jahr 2013 strafbar ist. Das liegt auch, jedoch nicht nur an Problemen der strukturellen Umsetzung. Um effektive Veränderungen der Denk- und Verhaltensweise zu erzielen, muss immer auch Aufklärung und Sensibilisierung erfolgen. Hierbei hat sich langfristige Communityarbeit als best practice herauskristallisiert. Projekte wie Let’s CHANGE sind wichtiger denn je, um einen nachhaltigen Wandel herbeizuführen.

 

Stand 11/2019

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