„Wenn du jeden Tag ein kleines Stück des Berges abträgst, hast du am Ende einen freien Weg“
Das Zitat stammt Sara Shahverdi, Protagonistin des beeindruckenden und vielfach ausgezeichnete Dokumentarfilms Cutting Through Rocks. Der Film wurde im Rahmen des diesjährigen Filmfest Frauenwelten von TERRE DES FEMMES gezeigt. Mit der Sängerin und Menschenrechtsaktivistin Faravaz Farvardin führten wir im Anschluss ein bewegendes Questions and Answers. Sie musste in Deutschland Asyl beantragen, da sie sich nicht den iranischen Genderapartheid-Regeln unterwarf und dafür ins Gefängnis sollte.
Gegen alle Widerstände
Der Dokumentarfilm Cutting Through Rocks von Sara Khaki und Mohammadreza Eyni spielt im Nordwesten Irans, in einem kleinen Dorf. Erzählt wird die Geschichte von Sara Shahverdi, einer geschiedenen, Motorradfahrenden ehemaligen Hebamme, die als erste Frau in den Gemeinderat ihres Dorfes gewählt wird. Mit viel Entschlossenheit, Geschick und Mut setzt sie sich dafür ein, ihre Gemeinde zu modernisieren und patriarchalische Traditionen zu durchbrechen.
Besonders als Fürsprecherin der Mädchen und Frauen stößt Sara auf Widerstände. Sie bringt Teenagerinnen das Motorradfahren bei und kämpft entschieden gegen Kinderheirat und geschlechtsspezifische Diskriminierung. Doch als sie mit Vorwürfen konfrontiert wird, die ihre Intention und ihre Identität infrage stellen, steht sie vor einer großen persönlichen Herausforderung. Es ist das Porträt einer Frau, die Verantwortung übernimmt und einer jungen Generation von Frauen Hoffnung schenkt.
Wie eng Freude und Bestrafung gegen Rollenverstöße zusammenhängen verdeutlicht eine herausragende Szene des Filmes. Diese Szene versinnbildlicht den Berg an struktureller Unterdrückung und geschlechtsspezifischer Diskriminierung, den Sara mutig Stück für Stück abträgt. Sara bringt mehreren Mädchen, mit Erlaubnis der Eltern, das Motorradfahren bei. Als der Onkel eines der Mädchen seine Nichte dabei entdeckt, folgen dem empowernden Moment für das Mädchen, Schläge und Erniedrigung. Doch Sara stellt den Onkel zur Rede und die Motorradausflüge werden fortgesetzt.
Im Iran können Mädchen bereits ab 9 Jahren legal verheiratet werden. Sara widersetzt sich den Traditionen, die auch religiös begründet werden, klärt auf, besucht Schulen. Wie weit verbreitet Kinderheirat ist, zeigt der Film in einer weiteren Szene. Ausnahmslos alle Mädchen in der Klasse, wollen nicht früh heiraten. Am Ende des Schuljahres sind bis auf wenige Ausnahme alle verheiratet und besuchen nicht mehr die Schule.
„Ich war Freiheit, jedes Mal, wenn ich Nein sagte …“
Im Anschluss an die Filmvorführung fand ein bewegendes Questions and Answers (Q&A) mit Faravaz Farvardin, Sängerin und Menschenrechtsaktivistin, und Stephanie Walter, Referentin für Gleichberechtigung und Integration bei TERRE DES FEMMES, statt.
Faravaz Farvardin wurde 1990 in Teheran geboren. Aufgrund ihrer öffentlichen musikalischen Aktivitäten wurde sie verurteilt und hätte im berüchtigten Evin-Gefängnis ihre Haftstrafe antreten müssen. Als der Haftbefehl kam, war sie zufällig für Konzerte in Deutschland und stand vor der Wahl Asyl zu beantragen oder ins Gefängnis zu gehen. In ihrer Musik verbindet sie orientalische Einflüsse mit modernen Pop-Elementen. Mit ihrer Organisation The Right to Sing e.V. setzt sie sich für die Rechte von Frauen und queeren Menschen ein. Ihr Debütalbum „Azadi“ (Freiheit) erschien im Jahr 2025 und thematisiert ihren persönlichen Wandel von Stille zu Selbstbestimmung. Faravaz nahm in den vergangenen Jahren an verschiedenen Demonstrationen teil, beispielsweise beim TDF-organsierten Women’s March im Dezember 2022, der im Kontext der Women-Life-Freedom-Bewegung stattfand sowie mehren Kundgebungen vor dem Islamischen Zentrum Hamburg (IZH). Unvergessen, wie sie ihren Song Mullah vor der damals noch offenen Spionagezentrale des iranischen Regimes gesungen hat.
Das Gespräch begann mit einer Frage zu den für Faravaz einprägsamsten Szenen des Films. Faravaz berichtete, dass sie sich und viele andere iranische Frauen darin wiedererkannte, die auf unterschiedliche Weise täglich für ihre Rechte kämpfen. Sie betonte, dass grundlegende Veränderungen in einem männlich dominierten System von Ausdauer und Zeit abhängen und dass Frauen sich gegenseitig stärker unterstützen müssten, da Männer oftmals besser vernetzt sind.
Freiheit – Für viele Frauen ein lebenslanger Traum
Auf die Frage, welchen Bedrohungen Frauen und queere Menschen im Iran ausgesetzt sind, antwortete sie, dass die größte Angst vieler Frauen und queerer Menschen sich nur zweitrangig auf das staatliche Regime beziehe und primär auf Männer generell. Selbst nach ihrer Ausreise nach Deutschland sei das Unsicherheitsgefühl geblieben. Faravaz erläuterte, dass es schwierig sei, eine unterstützende Community zu finden und dass ExiliranerInnen auch in Deutschland weiterhin durch das iranische Regime bedroht werden. Sie berichtete von ihrem Engagement im von ihrem gegründeten Verein „The Right to Sing e.V.“ Mit den Spenden setzt sie sich verfolgte Sängerinnen im Iran und Afghanistan ein, vermittelt AnwältInnen und finanziert Musikvideos.
Sie fügte hinzu, dass die Women-Life-Freedom-Bewegung nicht nur eine politische, sondern auch eine gesellschaftliche Revolution darstellt. Sie sei froh nicht mehr im Iran zu leben, weil man als Frau eben nicht nur gegen „den einen“ Feind kämpfe, sondern gegen viele, sei es der eigene Vater oder Nachbar. Faravaz berichtet, warum sie ihr Debütalbum „Azadi“ – Freiheit genannt hat. Sie musste und muss bereits ihr ganzes Leben um ihre Freiheit kämpfen. Frei von Rollenvorstellungen, frei von misogynen Gesetzen, frei von Bodyshaming, frei vom Gefängnis was Schläge, Folter und Vergewaltigung bedeuten kann. Übersetzt heißt es im Song Azadi: „Ich war Freiheit, jedes Mal, wenn ich Nein sagte … Als ich beschloss, ich selbst zu sein: wütend, laut, wild und schön“
FRAU LEBEN FREIHEIT: Eine Revolution und ihre Folgen
Die Islamische Republik Iran steht exemplarisch für staatliche Unterdrückung, geschlechtsspezifische Gewalt und Genderapartheid. Die FRAU LEBEN FREIHEIT Bewegung wurde durch den Tod von Jina Mahsa Amini im September 2022 ausgelöst und hat zu beeindruckender Solidarität und Protesten geführt. Seitdem gab es zehntausende Verhaftungen, darunter viele Minderjährige.
Das Publikum brachte sich mit eigenen Erlebnissen ein. Eine Besucherin erzählte von einem Iran-Aufenthalt, bei dem sie eine große Veränderung in der Gesellschaft aufgrund der Women-Life-Freedom-Bewegung wahrgenommen hatte, auch wenn gesetzliche Hürden bestehen blieben. Sie selbst habe während ihres viermonatigen Aufenthalts kein Kopftuch getragen. Im weiteren Verlauf wurde jedoch auch auf die hohe Zahl von Exekutionen allein in diesem Jahr im Iran angesprochen. Das islamistische Regime hat 2025 schon über 1.000 Menschen hingerichtet, davon 40 Frauen. Im Dezember soll die Kinderbraut Goli Kouhkan gehängt werden. Sie war mit zwölf Jahren verheiratet worden. Jahre später hat sie ihren gewalttätigen Ehemann getötet.
Trotz internationaler Solidaritätsbekundungen und gestiegener Asylzahlen bleibt die Lage äußerst kritisch. Noch immer übt das iranische Regime auch im Ausland Druck auf Oppositionelle aus. In Deutschland gibt es keinen Abschiebestopp in den Iran und viele Asylverfahren werden nicht anerkannt.
TERRE DES FEMMES steht weiterhin solidarisch an der Seite der IranerInnen!
Mehr zu unserer Arbeit:
- Factsheet: Jin Jiyan Azadî! Das Unrechtsregime Islamische Republik Iran
- Freiheit oder Widerstand im Gefängnis? – Kinokooperation zum Filmstart von Sieben Tage
- Kundgebung in Hamburg: AktivistInnen und Exil-IranerInnen stellen ihre Forderungen zur Zukunft des IZH
- WOMEN’S MARCH zum internationalen Tag der Menschenrechte am 10.12.2022